Wir sind zurück nach Deutschland – aber nicht nach Hause

Wir sind zurück nach Deutschland – aber nicht nach Hause

Als wir nach neun Monaten in der Türkei entschieden, zurück nach Deutschland zu gehen, war uns eines sofort klar:

Berlin wird es nicht.

Schon lange bevor wir ausgewandert sind, hatte ich das Gefühl, dass Berlin nicht der Ort ist, an dem ich unsere Kinder großziehen möchte. Die Stadt war mir einfach zu groß, zu laut und zu hektisch. Vor allem die Kriminalität hat uns immer mehr beschäftigt.

Mein Mann arbeitet bei der Berliner Polizei. Dadurch haben wir vieles mitbekommen, was man als Außenstehender oft gar nicht wahrnimmt. Viele Geschichten, Einsätze und Erfahrungen haben uns gezeigt, dass wir unseren Kindern ein anderes Umfeld wünschen.

Unser Traum vom Auswandern war in diesem Moment zwar geplatzt, aber unser Wunsch nach einem anderen Leben war geblieben.

Deshalb fassten wir einen Entschluss:

Wenn wir schon neu anfangen müssen, dann richtig.

Nicht zurück in unser altes Leben, sondern in ein Bundesland, das wir noch gar nicht kannten.

Für uns kamen Bayern und Nordrhein-Westfalen infrage. Allein dieser Gedanke machte die Rückkehr nach Deutschland etwas erträglicher. Wir hatten wieder ein Ziel vor Augen.

Doch obwohl wir uns für Deutschland entschieden hatten, wussten wir tief in unserem Herzen eines:

Es würde nicht für immer sein.

Unser Traum vom Auswandern war nicht vorbei. Er musste nur warten.

Natürlich haben wir versucht, uns auf Deutschland zu freuen. Wir haben Pläne geschmiedet und uns eingeredet, dass dieser Neuanfang vielleicht genau das Richtige für uns ist. Wir wollten Deutschland noch einmal eine echte Chance geben und haben all unsere Hoffnung in diesen Neustart gesteckt.

Wir wollten arbeiten, Geld sparen, uns wieder etwas aufbauen und irgendwann unseren Traum von der Auswanderung erneut verwirklichen.

Bevor wir zurück nach Deutschland gegangen sind, gab es allerdings noch eine Sache, die uns besonders am Herzen lag:

Unsere Kinder wollten gar nicht zurück.

Sie hatten sich in der Türkei eingelebt, neue Freunde gefunden und fühlten sich dort zuhause. Für sie war die Türkei längst mehr als nur ein Land – sie war ihr Alltag geworden.

Deshalb war es uns unglaublich wichtig, sie nicht einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen. Wir haben von Anfang an offen mit ihnen gesprochen und sie in unsere Entscheidung einbezogen.

Wir haben ihnen erklärt, warum wir zurück nach Deutschland müssen und dass dies nicht das Ende unseres Traums ist.

Wir haben ihnen immer wieder gesagt:

„Es ist nur für eine Zeit. Eines Tages werden wir wieder auswandern.“

Natürlich haben wir ihnen auch versucht, die Rückkehr nach Deutschland schmackhaft zu machen. Wir erzählten ihnen von den Dingen, auf die sie sich freuen konnten, und machten ihnen Mut, diesen neuen Abschnitt gemeinsam mit uns zu gehen.

So fiel uns allen die Entscheidung zwar nicht leichter, aber wir hatten das Gefühl, diesen Weg gemeinsam als Familie zu gehen.

Für diesen Neuanfang haben wir sogar unsere Familien erneut verlassen. Wir zogen bewusst in ein Bundesland, in dem wir niemanden kannten.

Keine Großeltern.

Keine Freunde.

Niemand, der unsere Kinder mal für ein paar Stunden nehmen konnte.

Keine Unterstützung im Alltag.

Wir standen wieder komplett bei null.

Trotzdem haben wir uns immer wieder gesagt:

„Wir schaffen das. Gemeinsam.“

Wir waren fest davon überzeugt, dass man als deutsche Staatsbürger in Deutschland aufgefangen wird, wenn man unverschuldet noch einmal ganz von vorne anfangen muss.

An diesem Gedanken haben wir uns festgehalten.

Er gab uns Kraft und Hoffnung.

Doch wir mussten sehr schnell feststellen, dass die Realität ganz anders aussah.

Wir dachten immer, dass die Auswanderung der schwierigste Teil sein würde.

Doch wir lagen falsch.

Die Rückkehr nach Deutschland war für uns deutlich schwieriger.

Da wir damals in Berlin alles aufgegeben hatten und nicht mehr in Deutschland gemeldet waren, standen wir plötzlich vor einem riesigen Problem.

Wir hatten keine Wohnung.

Keine Meldeadresse.

Keine Rücklagen.

Und kaum noch Geld.

Was wir nicht wussten: Ohne Meldeadresse ist vieles kaum möglich. Gleichzeitig bekommt man ohne Wohnsitz oft auch keine Wohnung.

Ein Kreislauf, aus dem wir zunächst keinen Ausweg fanden.

Ich schrieb unzählige Behörden, Beratungsstellen und Hilfsorganisationen an. Immer wieder erklärte ich unsere Situation und bat um Hilfe, weil ich die Rückkehr für unsere Kinder so einfach wie möglich gestalten wollte.

Doch fast überall bekamen wir dieselbe Antwort:

„Solange Sie nicht in Deutschland gemeldet sind, können wir Ihnen leider nicht helfen.“

Das war für uns kaum zu verstehen.

Denn wie soll man sich anmelden, wenn man keine Wohnung bekommt?

Und wie soll man eine Wohnung bekommen, wenn man nicht gemeldet ist?

Wir waren irgendwann einfach nur noch verzweifelt.

Schließlich erweiterten wir unsere Suche auf ganz Deutschland.

Wir schrieben unzählige Vermieter an, erzählten unsere Geschichte und hofften einfach, dass uns irgendjemand eine Chance geben würde.

Wochenlang suchten wir.

Wir hofften.

Telefonierten.

Bekamen Absagen.

Weinten.

Und kämpften weiter.

Wir hatten nur uns als Familie, unser Auto und die wenigen Dinge, die darin Platz gefunden hatten.

Dann geschah etwas, womit wir schon kaum noch gerechnet hatten.

Ein Vermieter antwortete auf unsere Nachricht.

Er wollte uns kennenlernen und sich unsere Geschichte anhören.

Wir telefonierten lange, erklärten ihm unsere Situation und plötzlich bekamen wir die Chance, auf die wir so lange gehofft hatten.

Die Wohnung war kleiner, als wir es uns gewünscht hätten.

Sie war auch teurer.

Aber sie bedeutete für uns etwas viel Größeres.

Sie war unsere Chance, nach Deutschland zurückzukehren und noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Wir konnten einziehen, uns anmelden und Schritt für Schritt unser Leben wieder aufbauen.

Unsere Wohnung war allerdings fast leer. Wir hatten in Berlin nahezu alles aufgegeben und mussten uns Stück für Stück wieder komplett neu einrichten. Möbel, Haushaltsgegenstände und all die kleinen Dinge, die man für den Alltag braucht – alles musste nach und nach neu angeschafft werden.

Das war nicht nur finanziell eine große Herausforderung, sondern auch unglaublich stressig. Zwischen Behördengängen, Einkäufen, dem Einrichten der Wohnung und vier Kindern blieb kaum Zeit zum Durchatmen.

Trotzdem haben wir nie aufgegeben.

Wir sind jeden Tag einen kleinen Schritt weitergegangen.

So landeten wir schließlich in Nordrhein-Westfalen.

Nicht in unserer Heimat.

Nicht dort, wo wir herkamen.

Sondern an einem Ort, an dem wir niemanden kannten.

In den nächsten Tagen schauten wir uns unsere neue Stadt genauer an.

Und ehrlich gesagt?

Wir waren positiv überrascht.

Alles wirkte kleiner, ruhiger und irgendwie familiärer. Überall gab es Natur und genau diese Ruhe hatten wir uns immer gewünscht.

Was uns besonders gefallen hat: Man konnte tatsächlich fast alles innerhalb weniger Minuten erreichen. Ob Supermarkt, Spielplatz oder Innenstadt – vieles war zu Fuß erreichbar.

Für uns, die unser ganzes Leben in Berlin verbracht hatten, war das ein völlig neues Lebensgefühl.

Natürlich haben wir die Türkei trotzdem jeden Tag vermisst.

Vor allem die herzlichen Menschen.

Das Wetter.

Und dieses besondere Lebensgefühl.

Die Gelassenheit.

Das Leben draußen.

Die vielen kleinen Momente, die den Alltag so besonders gemacht haben.

Deutschland fühlte sich in vielen Dingen vertraut an – und gleichzeitig irgendwie fremd.

Vielleicht gerade deshalb, weil wir uns in der Türkei schneller zuhause gefühlt hatten, als wir es jemals erwartet hätten.

Doch wir beschlossen, diesem neuen Kapitel eine echte Chance zu geben.

Wir wollten ankommen, arbeiten, unseren Kindern Stabilität geben und unser Leben wieder aufbauen.

Auch wenn wir tief im Herzen wussten, dass unser Traum vom Auswandern noch lange nicht vorbei war.

Wie unser Start in Nordrhein-Westfalen wirklich verlief, wie unsere Kinder in Schule und Kita angekommen sind, wie die Behörden reagiert haben und warum unser zweiter Neuanfang ganz anders wurde als erwartet, erzähle ich euch im nächsten Beitrag. ❤️

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